Da werden Mütter zu Mutanten

Mütter verwenden einen nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit darauf, den Sprößlingen in unermüdlicher Endlosigkeit gutes Benehmen beizubringen. Die Regeln des Anstands gelten immer und überall und entsprechend achten Mütter auch immer und überall darauf, dass die Kinder diese lernen und einhalten. Zur Scheibe Fleischwurst an der Metzgertheke gehört untrennbar auch das von Müttern geflüsterte: „Und was sagt man?“ Einem möglicherweise etwas roh fomulierten kindlichen Wunsch folgt sofort ein:“Und wie heißt das Zauberwort?“.

Wir erinnern unsere Kinder permanent daran, dass sie sich bitte nicht vordrängeln, anderen nicht ins Wort fallen, nicht mit vollem Mund reden, nicht die Nase hochziehen, den Rotz aber bitteschön genausowenig am Ärmel abwischen usw. Im Grunde geht die Knigge-Erziehung morgens unmittelbar nach dem Aufstehen los und endet erst, wenn die Kinder nicht mehr gucken, weil sie schlafen. Das ist der Moment, in dem Eltern aus der Vorbildrolle fallen und die Füße auf den Couchtisch legen, während dem Essen fernsehen und Bier aus der Flasche trinken. Wird ja wohl mal erlaubt sein! Sieht ja auch keiner; wir sind ja schließlich zu Hause. Ansonsten sind wir unseren Kindern selbstverständlich immer und überall Vorbild und verhalten uns genau nach den eingeforderten Regeln der Höflicheit und den Formen des respektvollen Miteinanders.

Es sei denn – beim örtlichen Discounter gibt es Kindersachen!!! Dann nämlich werden Mütter zu Mutanten. Und das weiß ich aus persönlicher Erfahrung, denn vor Kurzem war meine Mission: Sneakers für Nr. 1 ergattern, möglichst die coolen in grün, bitte nicht die doofen braunen. Der Discounter öffnet um acht, mein Arbeitsbeginn ist um viertel nach acht. Das zur Verfügung stehende Zeitfenster daher denkbar klein. Die Option, nach der Arbeit dorthin zu fahren, scheidet jedoch komplett aus, denn aus Erfahrung weiß ich, dass normalerweise pro Größe und Farbe genau ein Exemplar zur kaufen ist.

Folglich stehe ich um fünf vor acht mit 17 anderen Müttern vor den noch geschlossenen Glastüren. Dass es sich bei den anderen Damen auch um Mutanten handelt, erkenne ich an der Entschlossenheit in ihrem Blick gepaart mit einer gespielt lässigen Körperhaltung. Ich hoffe, dass möglichst viele meiner Mitstreiterinnen Mädchen haben und deren Jagd sich somit auf die rosa Schuhe beschränkt. Um drei vor acht schlendern wir alle gaaanz unauffällig noch ein Stück näher zur Tür. Und schon um zwei vor acht gehen die Türen auf.

Das trifft uns etwas unerwartet, aber nach einer kurzen Schrecksekunde rennen wir los. Ich überhole eine Frau mit Einkaufswagen und entscheide mich für den Weg links an den Drahtkörben vorbei – in der Hoffnung, dass die Schuhe dort liegen. Mist, tun sie nicht! Die mit dem Wagen hat sich für rechts entschieden und erreicht das Ziel kurz vor mir. Fast stolpere ich in ihren Wagen hinein, den sie mit einem gekonnten Schwung im Gang quer stellt und somit mir und anderen nachdrängenden Kundinnen den Weg abschneidet. Ich werfe mich daraufhin über den Gitterkorb nebenan und kann so blind ein grünes Paar Schuhe ergattern. Treffer! Richtige Größe! Aber – Moment. Die sehen so groß aus. Da nehme ich lieber auch noch eine Nummer kleiner mit. Die blöde Kuh mit dem Wagen war eine Mädchenmama und schiebt mit einem rosa Päckchen ab. Sofort versuche ich in die freie Lücke vorzudringen und pralle dabei mit einer anderen Dame zusammen, die von der anderen Seite kommt. Keine Zeit für Entschuldigungen, da muss ein grimmiger Blick reichen. Mit ausgefahrenen Ellenbogen durchwühle ich die Schuhe und stapele alles, was nicht meine Größe ist als Schutzwall lins und rechts neben mir auf. Und da sehe ich es: das Paar mit der gesuchten Größe. Auch die Hand der Mutter neben mir schnellt nach vorn, greift zeitgleich mit mir zu und – ich entreiße es ihr kurzerhand, drehe mich wortlos um und sprinte zur Kasse. Ganz kurz tut sie mir leid. Aber Rücksicht ist an dieser Stelle nicht möglich. Ich muss in vier Minuten bei der Arbeit sein. Sie hat bestimmt Zeit, um noch eine andere Filiale anzufahren -hoffe ich. Und ansonsten komme ich ja heute Nachmittag wieder, um das Paar zurückzugeben, das nicht passt. Kann sie ja dann nochmal gucken kommen! Pfff. Wer zuerst kommt, malt eben auch zuerst. So ist das im Leben! Ha!

An der Kasse sinkt der Blutdruck langsam wieder auf normal und mir fallen auch all die Regeln wieder ein, deren Befolgung und Beachtung ich von meinen Kindern in allen Lebenslagen erwarte.  Ich begrüße freundlich die Verkäuferin und wünsche ihr im Gehen selbstverständlich einen schönen Tag. Das gehört sich schließlich so. Die alte Dame, die den Einkaufchip nicht in den Wagen bekommt, bedankt sich auch ganz artig für meine Hilfe. Bevor ich mein Auto vor der Arbeitsstelle parke, lasse ich noch den Herrn mit dem Hund über die Straße. Oben treffe ich eine Kollegin, der ich natürlich die Tür aufhalte und einen guten Morgen wünsche.

Gut, dass meine Kinder bei diesen Müttermutationen nicht dabei sind. Sie würden sich mehr als wundern. Aber sagt man nicht, dass in der Liebe und im Krieg alles erlaubt ist? Und wenn der Discounter Kinderklamotten im Sonderangebot hat – das ist für Mütter definitiv sowas wie Krieg. 😉

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