Kind in Shoppinglaune

In den letzten Monaten, in denen hier nichts passiert ist, ereigneten sich so einschneidende Dinge wie die Einschulung von Nr. 1 und der Arbeitsaufnahme der zugehörigen Mutter. Zusätzlich natürlich der ganz normale Wahnsinn und die Tatsache, dass man als Fußballeltern gefühlte 95% der Freizeit auf irgendwelchen Plätzen verbringt. Jetzt aber ist etwas geschehen, was ich mir hier in einer Art selbststherapeutischem Akt von der Seele schreiben muss. Seit gestern Nachmittag weiß ich, dass ein Gen, welches in meinem biologischen Erbgut sehr unterentwickelt ist, leider durch meinen Mann weitergegeben wurde. Und es bricht sich bei Nr. 1 mit voller Kraft Bahn – das Shoppinggen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich schon das Einkaufen von Lebensmitteln vermeide, wo es geht. Durch Herunterladen einer App, in der ich die zu tätigenden Einkäufe erfasse, kann ich dieses Übel weitestgehend umgehen. Kurz die Liste mit dem Handy meines Mannes synchronisiert und schon hat er den schwarzen Peter. 🙂

Noch viel weniger kann man mich aber mit dem Shoppen von Klamotten locken. Auch hier bin ich in einer dauerhaften Vermeidungshaltung. Die meisten Sachen nähe ich selber. Allenfalls in einem Second-Hand-Laden stöbere ich mal herum. Und Schuhe besitze ich ebenfalls weniger als der angetraute Gatte. Die Bekleidung der Kinder konnte ich bisher durch Nähen oder aber Abstauben von noch brauchbaren Sachen anderer Eltern sicherstellen. Eine Nachbarin schiebt mir in regelmäßigen Abständen Tüten mit Klamotten durch die Tür und die Söhne einer Freundin sind praktischerweise auch immer genau dann aus ihren Sachen rausgewachsen, wenn wir Nachschub brauchen. Prima Sache, hätte von mir aus ewig so bleiben können. An dieser Stelle habe ich jedoch die Rechnung ohne das Shoppinggen von Nr. 1 gemacht.

Er hat die im Folgenden geschilderte Aktion von langer Hand geplant. Und ich bin ihm voll auf den Leim gegangen. Am vergangenen Montag erzählte er mir von zwei Schulkameraden. Der eine habe so tolle Schuhe und der andere einen so kuscheligen Pulli mit Leder auf den Schultern. Das müsse er unbedingt auch haben. Meinen Einwand, dass er doch wohl genug Sachen im Schrank habe, wischte er mit einem beleidigten Blick und der Entgegnung, dass die Hosen zuviele aufgesetzte Taschen hätten und die Pullis sowieso doof wären, vom Tisch. Ach, und die Winterjacke sei übrigens auch eine Zumutung. Aha. Daraufhin versuchte ich der Sache zu entkommen, indem ich überzeugend vorgab, dass ich ihm die Sachen natürlich gerne kaufen würde, aber ja leider nicht wüsste, woher die Jungs sie hätten. Gut, dann würde er das morgen klären, konstatierte Nr. 1

Offensichtlich hat er den beiden Kumpels die Dringlichkeit seiner Nachfrage deutlich machen können, dann am übernächsten Tag kam er stolz mit der Information nach Hause, dass die Schuhe von Deichmann und der Pulli von C&A seien. Die Erleichterung darüber, dass es sich nicht um Thommy Hilfiger und Camel handelte, ließ mich das unüberlegte Versprechen machen, dass wir am Samstag dann mal die beiden besagten Läden aufsuchen würden, wenn Nr. 2 auf einem Geburtstag eingeladen sei und somit aus dem Weg.

Gut. Wir also los, mit dem Papa im Schlepp, um an einem sonnigen Samstagnachmittag die Stadt zu entern. Nachdem wir schon nach ca. einer halben Stunde einen Parkplatz ergattert hatten, stürmte das Kind also Richtung Deichmann, um festzustellen, dass die gesuchten Schuhe nicht mehr da waren. Mir schwante bereits Böses. Allerdings hatte ich eher mit einem Tobsuchtsanfall gerechnet als mit der Eröffnung, dass wir dann eben noch in allen anderen Läden danach suchen müssten. Auf dem Weg ins nächste Schuhgeschäft kamen wir bei C&A vorbei, um auch dort festzustellen, dass der gesuchte Pulli nur noch in Größe 98 vorrätig war. Umpf! Doch ein echter Shoppingteufel lässt sich dadurch nicht entmutigen. Zielsicher strebte er auf ein Paar grüne Jeans zu. Meine Frage, ob wir nicht eigentlich auf der Suche nach einem Pulli wären, blieb unbeantwortet. Stattdessen stellte sich das Kind geduldig in die Schlange vor den Umkleiden, um das Fundstück anzuprobieren. Sie passt, das Kind strahlte, die Mutter zahlte – zwecks Erhalt der positiven Grundstimmung. Gut, dachte ich. Können wir ja dann nach Hause. Von wegen!

„Nö, wir müssen doch noch nach Schuhen gucken.“ Aha. Also stiefelten wir nochmals die Einkaufsmeile hoch und runter, stellten jedoch in allen Läden fest, dass die gesuchten Wildledertreter nirgendwo genau dem Ideal entsprachen oder aber nicht in der passenden Größe vorrätig waren. „Ok, der nächste Laden ist der letzte. Dann haben wir alle durch. Wenn wir die Schuhe da nicht finden, gehen wir nach Hause.“, sagte ich mit strengem Blick und schmerzenden Füßen. Der Vater grinste nur. Pfff. Und das Kind? Stellte mit Profiscannerblick sofort fest, dass auch hier die Schuhe nicht im Angebot waren, und zog daraufhin begeistert ein Paar grauer Turnschuhe aus dem Regal. „Guck mal, die sind doch toll. Und diese grünen Abnäher passen gaaaaanz super zu meiner Hose.“ Häh? Wie kann man denn bitte von Wildledertretern übergangslos hinter Turnschuhen her sein? Während ich noch überlegte, hatte Nr. 1 die Schuhe schon an und rannte damit durch den Laden. „Guck doch mal, Mama, wie schnell die sind.“ Drei Dinge bewogen mich, diese Schuhe zu kaufen. 1. Sie sind halbhoch und gefüttert. Man kann sie also wohlwollend als Winterstiefel durchgehen lassen. 2. Es gab 40% Rabatt auf alles, was den Preis erträglich machte. 3. Ich wollte nach Hause. An der Kasse baten wir die Verkäuferin, die ollen Latschen doch bitte gleich zu entsorgen, worauf die uns eröffnete, dass wir diese in den Sammelbehälter geben könnten. Dann gäbe es nochmals 50 Cent Gutschrift. Nr. 1 war entzückt und meinte, dass er das doch wohl richtig gut gemacht hätte, denn nun hätten wir ja richtig Geld gespart. Hmmm.

Nach Verlassen des Schuhgeschäftes steuerte ich geradewegs in Richtung Auto und Nr. 1 bog wortlos ab und betrat H&M. „Hallo??? Wo willst Du denn hin?“ – „Ja, nach einem Pulli gucken.“ Zu diesem Zeitpunkt war ich schon zu entkräftet, um zu protestieren, und wackelte hinterher. In dem Laden herrschten 45°C und Volksfeststimmung. Ich wurde von einem Strom von halbwüchsigen Menschen erfasst und durch die nur etwa 60cm breiten Gänge zwischen den Kleiderständern geschoben. Widerstand zwecklos. Zwischendurch erblickte ich den Schopf von Nr. 1, der sich mit roten Wangen und glänzenden Augen durch das Gewühl wuselte. Erstaunlich, was die Aussicht von Klamotten bewirken kann, denn normalerweise sind ihm Menschenmassen genauso verhasst wie überheizte Räume und dröhnende Musik. Heute war alles anders. Und tatsächlich kam er nach kurzer Zeit mit einem Pulli im Arm wieder, den er unbedingt haben müsse, weil der so toll zu den Jeans und damit natürlich auch ganz super zu den Schuhen passe, weil die ja auch so fabelhaft aufeinander abgestimmt wären. Der Vater grinst. Ich bin kurz vorm Kollaps. „Pass auf, Kind. Wir kaufen jetzt diesen Pulli. Dann gehen wir und kommen nie wieder. Den nächsten Einkaufsbummel machst Du bitte mit einer der Omas. Du kannst Dir ja zu Weihnachten einen Gutschein von H&M wünschen.“ – „Cool!!! Das geht? Rufst Du die Oma direkt an???“

In der Dunkelheit und völlig entkräftet schleppe ich mich zum Auto. Nr. 1 tänzelt und hüpft mit seinen Taschen am Arm vor mir her. Und das nach fast drei Stunden Rennerei von einem Geschäft ins nächste! Üblicherweise täuscht er schon nach fünf Minuten einen Schwächeanfall vor, wenn es darum geht, dass ich etwas kaufen will. Naja. Ob der fortgeschrittenen Stunde fällt auch das geplante Abendessen ins Wasser und wird durch einen Gyrosteller vom Griechen unseres Vertrauens ersetzt. Das steigert das Entzücken natürlich noch zusätzlich, ist mir aber egal. Ich kann nicht mehr. Mit vollem Mund und glänzenden Augen meint Nr. 1: „Ach, was für ein schöner Tag. Ich ziehe jetzt direkt die Sachen an, damit Nr. 2 sie auch sehen kann.“

Ich wähnte mich mit zwei Jungs in Sicherheit. Dachte, derlei Touren würden mir erspart. Shopping ist schrecklich. Was ist da bloß schief gegangen? Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Mein Mann geht recht gerne shoppen. Nach knapp zwölfjähriger Beziehung hat er aber natürlich schon lange aufgegeben, mich mitnehmen zu wollen. Und nun dieser späte Triumph. Wenigstens Nr. 1 schlägt in dieser Beziehung schonmal nachweislich nach ihm! Ich sehe die beiden schon nächsten Samstag wieder gemeinsam losziehen. Vorgeblich auf der Suche nach Schuhen und Pullovern – zurück werden sie mit Hosen, Jacken und Socken kommen. Von mir aus, aber auch ganz sicher OHNE MICH!

 

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