Wenn Kinder bei Männern übernachten

Irgendwann schlafen Kinder ja mal bei Freunden. Zumeist organisieren die Mütter das Spektakel wechselseitig. Eine Mutter gibt das Kind ab und hat einen freien Abend. Die andere bespaßt die Brut so gut wie möglich. Beim nächsten Mal läuft es andersherum. Feine Sache, besonders für diejenige, deren Kind aushäusig nächtig. Natürlich wird der Übernachtungsausflug von langer Hand geplant und genauestens besprochen. Es können ja Allergien, Unverträglichkeiten oder sonstige Besonderheiten schnell mal übersehen werden und schon hat man das Theater.

Das Kind wird am Tag des Abenteuers mit einem Köfferchen voller wichtiger Dinge beladen. Man findet in diesem Gepäckstück Schlafanzug, Zahnbürste, Kuscheltier, frische Wäsche für den nächsten Tag in zweifacher Ausführung – einmal für schlechtes, einmal für gutes Wetter – , Bademantel, Schlappen, Lieblingshörspiel, Lieblingsbuch, Lieblings-DVD, Tüte mit Süßigkeiten zum Einschleimen bei den Kindern, Tüte mit Pralinen als Dank für die tapfere Gastgeberin, eigenes Shampoo wegen der empfindlichen Kopfhaut, eigene Zahnpasta, weil alle anderen nicht schmecken, Gummistiefel, Fahrradhelm, Geld für Eventualitäten, Fußballtauschkarten, Mütze oder Sonnencreme.

So präpariert übergibt man sein Kind, verabschiedet sich fröhlich und freut sich auf einen ruhigen Abend. Und in Zeiten von whatsapp muss man sich auch nie besorgt fragen, ob wohl alles klappt, denn man wird in einer Art Livestream von der Gastmutter auf dem Laufenden gehalten. Dieser beginnt, während man noch auf dem Weg nach Hause ist und läuft in etwa immer ab wie folgt:

18.00 Uhr: Wir haben alles ausgepackt. Das Lieblingskopfkissen fehlt. 😦

18.05 Uhr: Habe altes Kissen von mir genommen. Alles gut. 🙂

18.10 Uhr: Foto der im Matsch spielenden Kinder

18.20 Uhr: Foto der Kinder in der Badewanne mit Schaumkrone auf dem Kopf

18.45 Uhr: Die Kinder gucken gleich noch Sandmann. Ist doch ok, oder? 😉

19.00 Uhr: Selfie der Gastmutter mit lustigem Spaghettischnurrbart – Ich koche. :-)))

19.10 Uhr: Sprachnachricht der Kinder: Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb. Hallooooo, Mamaaaa!

19.25 Uhr: Foto der Kinder mit Schokoladenpudding – Ein bisschen Süßes ist doch nicht schlimm? Hatten wir jetzt gar nicht besprochen.

19.40 Uhr: Gruppenselfie von Kindern mit Gastmutter beim Zähneputzen.

19.45 Uhr: Die Kinder machen eine Kissenschlacht. Hihi. :-)))

20.00 Uhr: Sprachnachricht: Schlaf gut, Mama!

20.15 Uhr: So, habe noch vorgelesen. Jetzt schlafen sie gleich. 🙂

20.30 Uhr: Die sind noch so aufgedreht. Voll süüüß. :-)))

20.45 Uhr: War gerade nochmal kuscheln. Aber jetzt schlafen sie.

20.47 Uhr: Doch nicht. Ich gehe nochmal gucken.

21.00 Uhr: Foto der wachen Kinder.

21.30 Uhr: So, jetzt aber! – Foto der schlafenden Kinder.

22.00 Uhr: Ich gehe jetzt auch ins Bett. Bin total fertig. Aber Du genieß ruhig Deinen freien Abend. Alles gut.

Kurze Atempause für die Mutter, die eigentlich frei hat, aber den Abend mit Lesen von Nachrichten verbracht hat.

5.50 Uhr: Foto der schlafenden Kinder mit Herzchensmiley

6.00 Uhr: Sprachnachricht: Guten Morgen!!! Halloooo, Mamaaa!

6.10 Uhr: Foto der Kinder mit Nutellamund.

6.15 Uhr: Selfie der Gastmutter mit Kaffeetasse.

6.20 Uhr: Die Kinder sehen fern. Ist doch ok? 😉

7.00 Uhr: Mir fällt gerade ein, dass ich ja nachher noch in die Stadt muss. Voll vergessen. Sorry!!!! Kannst Du gegen halb neun hier sein?

So machen Frauen das. Und jetzt aufgepasst! Ich habe festgestellt, dass das auch anders geht.

Nr. 2 hat einen Kumpel, dessen Eltern getrennt leben. Vom Vater, der den Kurzen am Wochenende bei sich hatte, erreichte mich eine kurze Mail. „Kann Nr. 2 bei uns schlafen?“

Äh, wie? Heute? Also jetzt? Ich war verwirrt und rief sicherheitshalber mal an. Ja, natürlich heute, sagte der Vater leicht irritiert. Ok, dachte ich. Warum nicht. Da der Vater ja bestimmt von der Idee der Kinder genauso überrascht war wie ich, fragte ich, ob ich irgendwas zum Abendessen beisteuern könnte. Oder vielleicht zum Frühstück. „Nö, alles schon fertig. Wir grillen, dann gibt es ’ne Milchschnitte. Für morgen hab ich Aufbackbrötchen.“

Aha. Ähm, gut. Da ich immer noch nicht verstanden hatte, dass bei Männern die Dinge anders laufen, fragte ich wieder blöd nach, was ich Nr. 2 denn sonst so mitgeben sollte. Längeres Schweigen. Dann die Antwort: „Zahnbürste wär gut.“

An diesem Punkt hörte ich auf zu fragen, packte dem Kind die Zahnbürste und anstandshalber dann doch noch einen Schlafanzug ein und schickte es los. Der Kumpel wohnt keine fünf Minuten zu Fuß entfernt Ich musste also nichtmal fahren.

Den Rest des Abends sowie den halben nächsten Tag verbrachte ich damit, auf mein Handy zu starren und auf Nachrichten zu warten. Aber nichts! Gar nichts! Auch nachdem ich das Handy für alle Fälle mal neu gestartet hatte: nichts!

Um halb eins des Folgetages kam dann endlich der erlösende Klingelton. Inhalt der Nachricht: Nr. 2 auf dem Heimweg. Bis denne!

Zukünfig dürfen die Kinder nur noch bei tiefenentspannten alleinerziehenden Vätern schlafen! Das war tatsächlich ein freier Abend, der den Namen auch verdient hat!

Und nie wieder werde ich mich darüber beschweren, dass Männer nicht viele Worte machen – ich schwör!

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s