Die Grundschule klärt auf

Die Themen „Liebe“ und „Sex“ finden die Jungs ja schon länger höchst interessant und lösen regelmäßig Kicheranfälle aus. Und jetzt ist es auch endlich soweit: Nr. 1 wird Sexualkundeunterricht in der Schule erhalten. Soweit ich es verstanden habe, war das eigentlich der einzige Grund, weshalb er sich in die vierte Klasse hat versetzen lassen. Als er zu Beginn des Schuljahres das Sachkundebuch bekam, hat er als erstes im Inhaltsverzeichnis nachgeschaut, wann ungefähr damit zu rechnen ist, dass er endlich in die Geheimnisse der Liebe eingeführt werden würde, und war sehr enttäuscht, dass dies erst fürs zweite Halbjahr vorgesehen war.

Zur Überbrückung der langen Wartezeit wurde das Thema daher immer mal wieder laienhaft unter den Burschen und zugehörigen Schulkameraden diskutiert – mit ganz interessanten Ergebnissen. Im Auto durfte ich neulich mitanhören, wir die beiden sich darüber unterhielten, wie viele Kinder sie später haben würden. Nr. 1 meinte, dass zwei genug sein. Da protestierte Nr. 2 aber direkt und verkündete, dass er vier haben wolle. Die Rückfrage des Bruders nach dem Warum brachte die Erklärung: „Weil ich viermal Sex haben will.“ Ja, logisch, oder?

In Ermangelung von Anschauungsmaterial mussten sich die Sprößlinge aus den wenigen Informationen, die sie von Freunden oder aus sonstigen Quellen haben, selbst zusammenreimen, wie Sex wohl ablaufen könnte. Gemeinsame Überlegungen ergaben: Der Mann liegt auf der Frau und wackelt mit dem Po. Ganz wichtig ist auch das Stöhnen. Und dann muss der Penis irgendwie in die Scheide. Hier konnte nicht abschließend geklärt werden, wie das funktionieren soll. Nr. 1 meinte, das müsse ganz vorsichtig gemacht werden, weil das sonst der Frau bestimmt weh täte (braves Kind!). Während Nr. 2 die Stirn runzelte und verkündete: „Häh? Ich hatte eher gedacht, dass ich das so mache wie mit einem Hammer. Bäng!“ Dieses „bäng“ untermalte er noch mit einer lässigen Hüftbewegung, um sicherzustellen, dass wir auch alle verstehen, was er meint. Ich habe mal sehr beschäftigt getan und mich rausgehalten.

Dass der Samen des Mannes die Eizelle der Frau befruchten muss, damit ein Kind entsteht, haben sie inzwischen auch verstanden. Und dass die Samen sich bis dahin im Hodensack befinden, haben wir auch geklärt. Nr. 1 meinte, dass er es ganz schön fände, dass er seine zukünftige Familie quasi jetzt schon immer mit sich herumtragen würde. 🙂

Zusammengefasst kann man festhalten, dass es zu diesem Thema noch einige Details zu besprechen gäbe und es daher sicher Sinn macht, dass nun endlich der Sexualkunde-unterricht startet. Gab es ja zu meiner Zeit auch schon. Was da genau unterrichtet wurde, weiß ich nicht mehr, weil ich die ganze Zeit auf ein Glas Wasser mit Tampon gestarrt habe und nicht gleichzeitg zuhören konnte. Unsere Lehrerin hatte nämlich zu Beginn der Stunde eine Tampon ausgepackt, diesen lustig vor unseren Nasen baumeln lassen und ihn dann in besagtes Glas Wasser geworfen. „Und jetzt gucken wir mal, was am Ende der Stunde daraus geworden ist.“ Ich hatte keinen blassen Schimmer, was und wofür ein Tampon ist, aber offenbar würde ja irgendwas Spannendes damit passieren. Also ließ ich das Ding nicht aus den Augen, um die etwaige Verwandlung in einen Frosch oder einen Prinzen nicht zu verpassen. Naja. Das Ergebnis war jetzt nicht ganz so, wie ich erwartet hatte, aber was soll’s. Die verpassten Informationen zum Thema „Sexualkunde“ holte ich mir dann eben von Dr. Sommer aus der „Bravo“.

Ich war nun etwas überrascht, dass Nr. 1 mit einem Brief nach Hause kam, dessen Kenntnisnahme von mir mit Unterschrift bestätigt werden musste. Er informierte mich, dass Experten (!) ins Haus kommen würden, um mit den Kindern – natürlich nach Geschlechtern getrennt – brennende Frage zum Thema Sex zu klären. Dafür sollten die Kinder im Vorfeld ihre Fragen anonym aufschreiben. Diese würden dann an die Experten weitergeleitet und ebenso anonym im Unterricht beantwortet. Aha. Dafür gibt es bestimmt Gründe. Oder? Also vermutlich wissen die Experten einfach mehr als so eine durchschnittliche Lehrkraft zum Thema Sex? So Grundschüler können ja auch manchmal wirklich vertrackt komplizierte Fragen stellen! Und Geschlechter werden getrennt, weil…? Ok, Scham könnte ein Thema sein. Obwohl ich vermute, dass ein verschämtes Mädchen vor fremden Experten sich schonmal gar nicht traut, was zu sagen. Und außerdem werden die Fragen ja ohnehin vorher abgegeben. Es muss also niemand vor der ganzen Klasse fragen. Alles voll anonym. Und an dieser Stelle möchte ich wetten, dass Nr. 1 lauthals „Die Frage ist von mir!!!“ brüllen wird, falls seine dran kommt. Aber egal. Für andere macht das vielleicht Sinn. Wobei ich mich wirklich und ganz in echt frage, wie die Fragen wohl anonym beantwortet werden. Sitzt derjenige, der antwortet, hinter einer Wand und wird seine Stimme verzerrt? Oder war das Wort „anonym“ in dem Brief nur doppelt und muss einmal abgezogen werden? Fragen über Fragen.

Meine Kinder zogen sich also mit Papier und Stift bewaffnet und unter großem Gekicher zurück, um die anonymen Fragen aufzuschreiben. Nach einer halben Stunde kamen sie immer noch kichernd zurück, um mir die Ergebnisse zu präsentieren. An erster Stelle: Wie funktioniert Sex? Das macht ja auch Sinn, dass man erstmal die Basics klärt. Direkt danach: Wie benutzt man ein Kondom? Ähm, woher wisst Ihr überhaut von der Existenz von Kondomen? Bei uns im Haushalt habt ihr die nicht gesehen. Egal. Will ich gar nicht wissen. Widmen wir uns lieber der dritten Frage.

Nr. 1 informiert mich, dass diese Frage von seinem Bruder stamme, er sie aber auch ganz interessant fände und darum aufgeschrieben habe. Nr. 2 hat einen sehr wichtigen Blick drauf und wartet gespannt auf meine Reaktion. Also – Frage 3: Kann man auch Sex haben, wenn man vorher Drogen genommen hat? BITTE WAS? Mein Gesicht versucht entspannt zu gucken, während mein Gehirn sämtliche Alarmglocken läutet. Wie kommt ein Zweitklässler auf sowas? Schickt die Sex-Experten nach Hause und holt stattdessen Drogen-Experten! Ich muss die Zimmer durchsuchen! Ob der Schulhof auch wirklich sicher ist vor unbefugtem Zutritt Fremder? Ich rufe die Direktorin an! Oder direkt das Schulamt. Die Polizei?

Zunächst entschließe ich mich mal zu atmen. Ok. Lächeln. „Das ist ja eine interessante Frage. Äh. Wie ist dir die denn eingefallen?“ – „Keine Ahnung. So halt.“ – „Jahaaa, und welche Drogen meinst du?“ – „Ich kenne keine Drogen.“ – „Und warum willst du dann welche nehmen?“ – „Will ich gar nicht. Ich wollte es nur spannender machen.“ – „Drogen sind aber nicht spannend, sondern gefährlich. Und außerdem verboten!“ – „Ja, eben.“ – „Wie, eben?“ – „Es heißt doch: Was verboten ist, ist erst recht spannend.“

Gut, dass inzwischen feststeht, dass die Experten Anfang bis Mitte Februar die Schule heimsuchen werden. Bis dahin beende ich jede Diskussion zum Thema mit den Worten: „Das werden die euch im Unterricht schon erklären.“ Fragen, die dann noch offen sind, beantworte ich gerne – oder verweise an die Drogenberatungsstelle.

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